Ein charmantes Paar
137/139, Promenade des Anglais, Nizza

© Johanna Birett 2020
Die Promenade des Anglais wurde – von einem englischen Kirchenmann (Lewis Way) – im 19. Jahrhundert angelegt, als Nizza noch nicht zu Frankreich, sondern zum Fürstentum Savoyen gehörte. Jahrzehnte später wurde diese Strandpromenade dann Inbegriff der Erholung.
Sie inspirierte die Fotografin Lisette Model, die ihr eine eigene Fotoserie widmete, und war Gegenstand finanzieller Skandale und zahlreicher Filme. 2016 wurde sie Schauplatz eines tragischen Attentats, bei dem zahlreiche Menschen ums Leben kamen, im Januar 2020 hat die französische Regierung erklärt, ihre Kandidatur als Weltkulturerbe bei der UNESCO zu unterstützen.
An dieser vierspurigen Straße, die Nizza vom Meer trennt, stehen zwischen hochaufragenden Fassaden zwei kleine Häuser in einem stillen architektonischen Dialog.

© Johanna Birett 2020
Die aparte Jugendstil-Villa auf der linken Seite wurde von Charles Colin d’Huovila in Auftrag gegeben und 1911 erbaut; zwanzig Jahre später stellte ihr der Architekt Maurice Massin mit der Villa Monada ein Pendant im Stil der Moderne zur Seite.
Die Villa Huovila ist zwar nicht denkmalgeschützt, aber eins der wenigen Exemplare des „Style Nouille“, die der Stadt geblieben sind. Sie wird von vielen bestaunt und bewundert. Der feine weiße Bau daneben erregt dagegen weniger Aufmerksamkeit und wenn, dann eher Unwillen. Dabei bilden die beiden inmitten der 6- bis 8-geschossigen Wohnbauten ein bemerkenswertes Ensemble, das ebenso von dem besonderen Charme der einen wie von der feinfühligen Haltung der anderen Villa lebt.
Die 6- bis 8-geschossige Uferfront macht mit ihnen eine kurze stilvolle Pause, während der Verkehr unbeirrt an hoch aufragenden modernen Appartementblöcken und Hotels der Belle Epoque vorbei zum Flughafen der Côte d’Azur rauscht.

© Johanna Birett 2020
Denn, fährt man mit dem Auto am Meer entlang, stechen nur wenige Unterbrechungen ins Auge: der Garten der Villa Masséna, die im 19. Jahrhundert erbaute Villa von C. F. Spang, die heute das Centre Universitaire Méditerranéen beherbergt, das Palais de l’Horticulture (1901), die blauverspiegelte Fassade der Kinderklinik Lenval aus den 90er Jahren … In Flughafennähe beginnt dann mit einer groß angelegten Tankstelle die Auflösung der geschlossenen Bebauung.
Mit dem Fahrrad nimmt man mehr wahr: Mehrere niedrige Häuser haben sich dem Bauboom über Jahrzehnte hinweg widersetzt. Manche von ihnen werden von der Nachbarbebauung in die Zwinge genommen, andere haben etwas mehr Luft, weil sie eine Ecke besetzen oder schräg hintereinander angeordnet sind.
Angesichts der lukrativen Möglichkeiten, die sich in unmittelbarer Nähe zum Meer bieten, wurden städtebauliche Skrupel wie in vielen Badeorten der Welt auch in Nizza beiseitegeschoben.

© Johanna Birett 2020
Schwer zu sagen, welchen Zwängen und Möglichkeiten sich der Architekt der Monada gegenübersah. Frei verfügbare historische Fotos aus den 30er Jahren konzentrieren sich auf das Negresco, das Casino de la Jetée und das Palais de la Méditerranée. Über Maurice Massin ist ebenfalls nicht viel zu finden. Ihm werden neben dieser noch die Villa Lou Cardolina und der Umbau der Villa Engadine, beide in Cannes, zugeschrieben.
Tatsächlich handelte es sich bei der Villa Monada auch nicht um einen Neubau, sondern um den Umbau eines traditionellen Nizzeraner Wohnhauses.
Henriette Barbey, die neue Eigentümerin der Immobilie, beauftragte den Architekten Maurice Massin mit deren Umgestaltung. 1933 wurde der Antrag auf Genehmigung der Bauarbeiten eingereicht. Er ist in den Archiven der Metropole Nice Côte d’Azur einzusehen.
Die Umbaumaßnahmen waren umfangreich: Sie verwandelten die „Maison Niçoise“ in einen eleganten Bau, der mit seinen klaren Linien der Moderne verpflichtet und zugleich aufmerksam um seine Nachbarin bemüht ist. Massin hat das Wesentliche der angrenzenden Villa aufgegriffen – Proportionen, Anordnung der Baumassen, Erker und Dachterrasse – und so eine Variation in Weiß der Villa Colin de Huovila geschaffen.
Es lohnt sich, diesem Paar zuliebe den Blick für einen Moment vom Meer zu lösen.
